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Stehende Figur

Mir wurde das Thema zu groß. Wenn alle Zellen miteinander verbunden sind, was hatte das für Konsequenzen, was ergab sich daraus? Das überstieg mein momentanes Vorstellungsvermögen. Ich legte das Thema zur Seite und besann mich auf meine Aufgaben. Ich wollte das Vereinigende hinter allen Methoden, Weisheitslehren und Religionen herausfinden, das große Ganze dahinter. Nur deshalb hatte ich mich mit so vielen Methoden und Schriften auseinandergesetzt. Ich blickte zurück:

Wo hatte das alles begonnen? Der Onkel, der an der Decke schwebte, hatte mich dazu gebracht zu glauben, dass wir zwei Körper haben, einen sichtbaren aus Materie und einen unsichtbaren aus Energie. In der Kunstschule absolvierte ich das obligatorische Grundstudium, das sich vor allem mit dem physischen Körper, mit Knochen, Muskeln und ihrer Funktion befasste. Das erwies sich als Glücksfall. Zunächst zeichnete die Klasse Knochenstrukturen nach dem Skelett, der zweite Schritt waren Gipsmodelle mit den Muskeln. Es faszinierte mich ungemein, welcher fantastische Mechanismus mit Muskeln, Sehnen und Bändern diesen starren Knochenapparat in Bewegung bringt, ihn so unglaublich beweglich macht.

Anschließend wechselte ich in die Bildhauerklasse, wo ich lernte einzelne Körperteile aus Ton zu formen. Ich modellierte zunächst den Knochen nach dem Skelett und legte dann Stück für Stück die einzelnen Muskeln aus Ton darauf, bis vor allem Arme und Beine in den verschiedensten Stellungen vollplastisch hergestellt waren. Eine Muskelgruppe zog, der Muskel spannte sich an, während sich die Gegenseite dehnte, bei der Gegenbewegung war es umgekehrt. Auch den Rumpf baute ich Stück für Stück zusammen, wodurch ich die Spannungsverhältnisse der einzelnen Bewegungen auch am Skelett sehr genau beobachten konnte. Veränderte ich die Stellung, dann bewegten sich Becken und Schultergürtel mit sämtlichen Muskelgruppen auf andere Weise, immer vollkommen harmonisch im Zusammenspiel. Nach diesen Vorstudien waren wir in der Lage ganze Figuren aus Ton zu formen.

So stand ich in der Bildhauerklasse und arbeitete an meiner stehenden Figur. Plötzlich wurde mir bewusst, dass sich Innen und Außen entsprechen. Mich rückerinnernd an meine bisherigen Erfahrungen freute ich mich über diese Erkenntnis. Ich hatte erlebt, dass jeder meiner Gedanken den Körper anspannt oder entspannt und ihn damit gestaltet. Und jetzt stand ich hier, formte hier im außen mein Modell aus Ton, und erkannte, dass ich genauso im inneren meinen eigenen physischen Körper mit meinen Gedanken und Gefühlen forme. Das war eine grandiose Feststellung und ich war ganz euphorisch bei dem Gedanken die Künstlerin, die Bildhauerin zu sein, die den eigenen Körper von innen heraus gestaltet und formt, genauso wie ich im Außen die Tonfigur forme. Ich meine, dass es das war, was Beuys meinte mit „Jeder ist ein Künstler“, denn jeder Mensch formt mit seinen psychischen Kräften seinen materiellen Körper.

Meine Euphorie wurde noch getoppt durch folgendes Erlebnis in der darauf folgenden Woche:

Es war schon spät am Nachmittag. Ich stand mit einer Mitschülerin im Bildhauersaal und arbeitete an der besagten stehenden Figur. Meine Hochstimmung wirkte sich auf mein Tun aus, ich schaute zufrieden auf meine halbfertige Tonfigur, als das Modell ihre Sachen packte und den Saal verließ. „Ausgerechnet jetzt, wo es bei mir so gut läuft, geht sie“, protestierte ich, „wie soll ich denn jetzt ohne Modell weitermachen?“ „Das ist doch nicht weiter schlimm“, wendete meine Nachbarin ein. „Mach es doch wie ich. Ich nehme die Position des Modells ein. Dann stelle ich mich hinter mich, schaue mich von hinten an und arbeite weiter“. „Du machst was?“ rief ich erschrocken. „Pst, nicht so laut, das müssen nicht alle mitkriegen“, sagte sie beiläufig, packte ihre Sachen und ließ mich allein zurück. Ich stand da, verwundert. Gibt es sowas? Ich hatte dafür nur eine Erklärung: Sie konnte offensichtlich das, was meinem Onkel zufällig passiert war, sehr gezielt willentlich herbeiführen. Sie konnte sich offensichtlich aus ihrem Körper herausbewegen, sich hinter sich stellen und sich von hinten anschauen, und es schien sie keineswegs zu beunruhigen. Leider kam sie nicht wieder zum Unterricht. Ich konnte sie nicht fragen wie sie das macht.

Erst mit der Zeit und mehreren anderen sogenannten „Zufällen“ wurde mir bewusst, dass da, wie oben schon vermutet, ein Gesetz wirksam ist, das Gesetz der Anziehung, der Resonanz oder Spiegelung. Ich erkannte, dass man das, was man gedacht hat und was einen intensiv beschäftigt, von außen anzieht. Die Fragen, die mich seit dem Bericht meines Onkels beschäftigten, hatten jemanden angezogen, der mir noch einmal auf andere Weise bestätigt, dass wir zwei Körper haben, einen sichtbaren und einen unsichtbaren, für den andere Gesetzmäßigkeiten gelten. Für mich war es eine Aufforderung danach zu suchen, was dieses Innen ist, und wie es uns beeinflusst.

Später beklebte ich die stehende Figur mit unzusammenhängenden aus der Zeitung ausgerissenen Wortschnipseln, wodurch sich eine leicht glänzende Oberfläche ergibt. Sie erinnert mich ständig daran, dass wir Künstler sind, die mit jedem Wort, mit jedem Gefühl und jeder Handlung unseren eigenen Körper formen und gestalten.


 


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