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Paris in Schwäbisch Hall

Das Museum für moderne Kunst in Paris wird renoviert und hat 200 hervorragende Zeugnisse der Kunst seit 1900 nach Schwäbisch Hall ausgeliehen. 1900, was für eine Zeit. Ein neues Jahrtausend hatte begonnen. Kurz zuvor hatte Paris eine Weltausstellung, wobei der Eiffelturm gebaut wurde, Zeugnis von großartiger Technik. Alles schien möglich. Die Industrialisierung hatte begonnen, die Menschen strebten vom Land in die Städte, wo es Arbeit gab. Es war eine Zeit ganz großen Wandels. War es um 1500 die Entdeckung Amerikas, Vasco da Gamas Seeweg nach Indien und die Weltumsegelung von Magalhaes, so waren es jetzt Erfindungen, die die Welt revolutionierten. Ein kurzer Rückblick: 1861 hatte Reis das Telefon erfunden, 1867 stellte Nobel das Dynamit her, 1869 wird der Suezkanal eröffnet und 1871 veröffentlicht Darwin seine  Lehre von der Abstammung des Menschen. 1876 baut Otto den Viertakt-Benzinmotor, 1879 findet Edison die Kohlefaden-Glühbirne, 1880 Laval die Dampfturbine und Lilienthal machte erste Segelflugversuche, alles revolutionierende Erfindungen, die den Menschen glauben ließen, alles sei technisch machbar. Das Auffinden von elektrischen Wellen durch Hertz passte nicht so ganz ins Bild, wurde jedoch durch Röntgen besänftigt, der 1895 ultraviolette Strahlen anwendete, um die Knochenstrukturen des Menschen sichtbar zu machen. 1896 entdeckt Becquerel die Radioaktivität des Urans, 1896 entdeckt das Ehepaar Curie mit Radium und Pollonium weitere Strahlen. Rutherfords Versuche zeigten 1997, dass Atome keine unzerstörbaren Festkörper sind, sondern leerer Raum, in dem sich extrem kleine Teilchen bewegen und Max-Planck begründet 1900 seine Quantentheorie. Damit beginnt ein völlig neues Zeitalter. Die bis dahin feste und beständige Welt wird durchsichtiger, instabiler und weniger greifbar. Es tritt einerseits die Technik ihren Siegeszug an, denn die Weltausstellung in Paris hinterließ mit dem für damalige Verhältnisse  gigantischen Eiffelturm ein Sinnbild für den Aufbruch der Technik. Auf der anderen Seite reagierten die feinfühligen Künstler beider Kunstmetropolen der damaligen Zeit, Paris und München, besonders auf die Neuerungen der Kernphysik. Da war einerseits die sichtbare Schwere der Materie mit dem gigantischen Eiffelturm, andererseits besagte die mit Rutherford und Planck begründete Quantenphysik, dass Atome nur aus leerem Raum bestehen, in dem sich extrem kleine Teilchen bewegen. Alle Materie, auch der Eiffelturm, besteht jedoch aus Atomen, folglich aus leerem Raum. Wie geht das zusammen? Niels Bohr sagte später:


Wer von der Quantentheorie nicht schockiert ist, hat sie nicht verstanden.

 

Auch die Künstler waren schockiert und suchten für diese neuen Erkenntnisse künstlerischen Ausdruck. Die feste, harte Materie, ihre ganze sichtbare Welt löste sich auf. Für Picasso und Braque in Paris zerfiel sie in Stücke. Sie zerlegten im Kubismus einen Kopf oder ein Stillleben in unzählige Stücke und setzten sie in einer Collage anders zusammen.  Kandinsky in München reagierte darauf mit schiefen Kirchtürmen, mit zunehmender Instabilität der materiellen Umgebung, mit auflösenden Tendenzen, wobei sich die Farben vom Objekt trennen und immer weniger erkennbar werden. Auch bei ihm lösten sich die Formen in seinen Bildern zunehmend auf. Die Erkenntnisse der Quantenphysik ließ auf eine neue Weltordnung hoffen, eine Kehrtwende in allen Lebensbereichen. Doch es kam anders.


Die Welt fiel dann wirklich in Stücke, der erste Weltkrieg mit seinen Schrecken holte die Künstler wieder in die Wirklichkeit zurück. Während sich München als Kunstmetropole weitgehend auflöste, Kandinsky war zurück in Russland, Marc und Macke gefallen, suchte Paris neue Ansätze in der Kunst. Der Siegeszug der Materie hatte durch den Krieg mit Flugzeugen, Panzern, Unterseebooten, Autos, Telefon und Telegraphie an Fahrt aufgenommen. Leger und Delaunay begeistern sich für Technik und Ingenieurskunst. Obwohl Einstein  seine Relativitätstheorie entwickelte, geriet die Quantenphysik in den Hintergrund und wurde auf andere Weise umgesetzt. Denn schon 1904 hatte Siegmund Freud mit der Psychoanalyse ein für die Kunst interessantes Feld eröffnet, gefolgt von Coué, Adler und Jung. Der Mensch, seine Wahrnehmungen, seine Gefühlswelt und seine Störungen gerieten in den Fokus. Das Unbewusste wurde bei den Surrealisten um Breton zur Inspirationsquelle. Picasso malte aufgeklappte Köpfe, Front und Seitenansicht in einem Bild. Delaunay beginnt mit seinen Fensterbildern, wobei die Sicht auf das Außen in Form eines Ausschnittes der Wirklichkeit begrenzt wird. Auch den Blick auf den Eiffelturm malt er zunächst als Fensterbild, später dann seine Aufsicht auf Eiffelturm und Marsfeld, mit der er berühmt wird. Es hängt gleich im Eingang der Ausstellung.


„Der Triumph der Moderne war mitunter steinig und keineswegs geradlinig, wovon diese Ausstellung berichtet“, schreiben Weber und Elsen im Vorwort zum Ausstellungskatalog.  In der Kunst führte er einerseits zur totalen Auflösung der Realität, den dripping paintings der Abstraktion, wie auch dazu ganz normale Alltagsgegenstände zur Kunst zu erklären, wobei immer noch die beiden Seiten beleuchtet werden, das Innere des Unbewussten mit der Quantenphysik als dem Inneren der atomaren Welt und das Äußere als feste Materie. Wenn diese zwei Seiten irgendwann einmal zusammenfließen, könnte etwas ganz Neues auch in der Kunst erwachsen.

 

Die Ausstellung in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall ist noch bis zum 15. September täglich von 10-18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.



 

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