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Von Kopf bis Fuß - Menschenbilder

Diese Ausstellung in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall hat es in sich, nicht nur wegen der vielen herausragenden Bilder und Skulpturen, sondern wegen der Fragen über das Menschsein und den Zweck des Daseins. Ich will ein paar Gedanken, die mich bewegen und mit meiner Arbeit und meinen Erfahrungen zu tun haben, mitteilen, die Sie interessieren könnten, auch wenn Sie sie Ausstellung nicht gesehen haben.

Was mich gleich am Eingang zu dieser Ausstellung beeindruckt, ist "das goldene Kind", das Designer-Baby. Oberflächlich betrachtet sieht es aus wie ein Putto, ein barockes Kind. Doch ein Putto mit Pampers? Also doch ein Kind von heute. Bei genauerem Hinsehen ist es auf eine elegante Art eine sehr harsche Kritik an der Gentechnik.

Heute ist es möglich, sich aus einer Samenbank ein Kind zu bestellen mit unterschiedlichen Kriterien, wie Größe, Haarfarbe, Augenfarbe, evtl. sogar den IQ und bestimmte Verhaltensweisen. Die Doppelhelix der DNA, die alle diese Erbinformationen enthält, hat das goldene Kind um seinen Leib geschlungen, die vier Basenpaare sichtbar in den Farben rot, gelb, grün und blau. Aus dem Titel, einem typischen Versuchstitel, ist die Art der Anordnung der Basen sichtbar, die die Information für die Herstellung der Proteine, der Eiweißbausteine der Zelle, beinhalten. Das A steht für Adenin, das T für Thymin, das G für Guanin und das C für Cytosin.

Der Boden, auf dem das Kind steht, ist übersät mit Pflanzen und Tieren, die auch über die Gentechnik optimiert werden. Wie brüchig der Boden ist und welche nicht wieder gut zu machenden Wirkungen mit Gentechnik verbunden sein können, machen die breiten Risse im Sockel der Statue deutlich.

Die weiteren Exponate auf diesem Stock befassen sich mit dem Bild von Mann und Frau seit der Renaissance, dem wieder Auffinden des griechischen Schönheitsideals. Es ist sinnvoll sich damit auseinander zu setzen, um nachvollziehen zu können, was ich in meinem Artikel "Mentaltraining und das Weibliche in uns" beschreibe. Meiner Auffassung nach ist jeder Mensch in sich männlich und weiblich zugleich, nämlich weiblich intuitiv und männlich handelnd. Wenn sich ein Mensch nur als "ganzer Kerl" oder als "tolles Weib oder betont Frau" definiert, lehnt er einen wichtigen Teil von sich ab und blockiert sich in seinem Menschsein. Es fehlt die andere Hälfte.

Im unteren Stock wird im Raum vor dem Kino aufgezeigt, was Richard David Precht in seinem Buch anspricht. "Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?" Er meint die vielen Rollen, die wir spielen. Ich beschreibe es nur für die männliche Seite: Wir sind Mann, Ehepartner, Liebhaber, Vater, Freund, Mitarbeiter, Untergebener, Kumpel, Sportkamerad, Verkehrsteilnehmer, Käufer und Vereinsmeier zugleich. In jeder Rolle verhalten wir uns anders. 

Zu dem Zitat von Precht passt das Bild "die Redaktion". Hier werden die unterschiedlichen Rollen unter Mitarbeitern angesprochen. Der Künstler schlüpft in jede der aufgezeigten Personen, nimmt deren Haltung und Empfinden ein und fotografiert sich selbst. Er schlüpft in jede Rolle und spielt sie selbst, was seinen Erlebnisspielraum erweitert. Er übt damit die Fähigkeit, sich in andere Menschen hinein zu versetzen und ihre innere Haltung nachzuempfinden, eine Fähigkeit, die die emotionale Intelligenz stärkt.

 Wie sehr wir alle diese Intelligenz nötig haben, macht eine Installation deutlich, die leider von vielen Menschen nicht gefunden wird. Sie ist hinter schwarzen Vorhängen versteckt und viele Besucher meinen, das gehöre nicht zur Ausstellung, sei Vortrags- oder Abstellraum. Dabei ist das eine so wichtige Arbeit, die ich unbedingt empfehlen möchte:

 Die Installation ist im Dunkeln besser zu sehen, daher die schwarzen Vorhänge. Sie besteht aus drei eiförmigen ca. 1 Meter hohen Kunststoffteilen, auf die ein Videofilm projiziert wird. Augen und Münder von drei Personen bewegen sich auf rundlicher Oberfläche. Die Nasen wurden herausgeschnitten und dadurch die Gesichter auf das Wesentlichste der Kommunikation reduziert. Erschreckend und grotesk sind die Augen, die sich in alle Richtungen bewegen. Sie sind einzeln aufgenommen worden und bewegen sich nicht synchron, was einen ganz ungewohnten und zum Teil erschreckenden Effekt erzeugt.

Diese drei Personen zeigen auf, wie weit sich der Mensch vom anderen Menschen entfernen kann. Jede dieser drei Personen spricht, aber weder ihre Augen sprechen synchron, noch hört ihnen jemand zu. Sie reden ununterbrochen, aber kommunizieren nicht miteinander, ein Trend, der auch im täglichen Leben zu beobachten ist, wo jeder über seinem Handy gebeugt sitzt. Diese Installation ist eine Aufforderung einmal darauf zu achten, ob man noch die Fähigkeit besitzt, jemanden wirklich aufmerksam zuzuhören, ohne gedanklich gleich seinen eigenen "Senf" dazu zu geben.


Ein ähnliches Thema, das auch Grundlage meiner Bücher ist, finde ich in der Abteilung der Selbstbildnisse, die Frage nach dem "Wer bin ich?" in anderer Form. Im Fahnentext wird die Geschichte von Narziss angesprochen, der sich in sein Spiegelbild verliebt. Im weiteren Text wird davon gesprochen, dass jedes Kind diese Phase des Spiegelns durchlebt und erst dadurch ein Ich entwickelt. Mich beschäftigt das Thema schon lange und ich frage mich: "Ohne, dass uns jemand sagt, wer wir sind, wüssten wir es nicht?" Auch der Autor Eckart Tolle macht deutlich, dass ein Kind lernt ein "Ich" zu sein, indem es einen Namen bekommt und sich damit identifiziert. Das Ich ist folglich eine erlernte Größe. Es dürfte also nicht so schwierig sein heraus zu bekommen, wer ich bin. Ich sollte nur mir anschauen, was ich über mich gelernt habe. Dann kann ich mich entscheiden, ob ich das auch weiterhin sein will oder nicht.

Dazu passen die Exponate des Nebenraumes, eine Persiflage auf ein Bild einer Königsfamilie. Die Aufgeblasenheit, die manche Menschen an sich haben, nur weil sie Geld oder Macht besitzen, wird dargestellt durch übermäßig runde Formen (Botero lässt grüßen). Auch die Machtprotze werden aufgezeigt, ihre Orden und Ehrenzeichen jedoch werden reduziert auf symbolhaltige Blechbüchsen, die auch inhaltsreich sind: Die Königin ist geschmückt mit Fischdose und Hasenragout - sie scheint ein Angsthase zu sein und kalt wie ein Fisch. Die ganze Familie spricht offenbar dem Alkohol kräftig zu, was die große Batterie hochprozentigen Alkohols aufzeigt. Der Schalk sitzt diesem Künstler im Nacken und fordert dazu auf, weitere Symbole des Environments zu entschlüsseln.

Für mich wirft diese herausragende Ausstellung wichtige Menschheitsfragen auf, über die nachzudenken sich lohnt. Ich kann nur empfehlen sie mehrfach anzuschauen - oder sich einen Katalog zuzulegen - und sich durch die Exponate anrühren und aufrühren zu lassen.


 

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